Streiten

Streiten will gelernt sein. Denn in den meisten Zwiegesprächen wird vor allem versucht, den Anderen niederzumachen und ihm zu vermitteln, dass er die Verantwortung für die angespannte Situation trägt. Dies ist ein Übel, das an der Wurzel gepackt und herausgerissen werden muss.

Streiten

Wenn Erwachsene wie Kinder streiten

"Du!" - "Nee, du!" - "Nee, du!"

Geht es bei Paaren einmal hoch her, dann können bekanntlich die Fetzen fliegen. Ehetherapeuten wissen hiervon ein Lied zu singen. Es hat dann oft den Anschein, als hätte mindestens einer der beiden seine "fünf Minuten". Mit diesen "fünf Minuten" haben sich schon viele Psychotherapeuten beschäftigt. Es gilt als unbestritten, dass während heftiger Wortgefechte bestimmte Muster im Gehirn aktiviert werden, die in der Kindheit einmal angelegt wurden. In diesen sind die meisten zwischenmenschlichen Konflikte abgespeichert, die wir einmal erlebt haben. Im Moment des Konflikts im Hier und Jetzt werden die alten Erfahrungen aktiviert - und sie schieben sich sozusagen in die Gegenwart. Daher diskutieren Erwachsene oft mit dem Verstand eines Kleinkindes, dem vielleicht einmal der Lutscher weggenommen wurde.
Hiervon sollte man sich lösen, denn dieses Verhalten ist für einen Erwachsenen nicht angemessen. Selbstreflexion über eigene biografische Erlebnisse ist da schon mal ein erster Schritt.

Wenn man zwischenmenschliche Konflikte gewohnt ist

"Das sagst du jetzt nur, damit ich Ruhe gebe!"

Es gibt auch Charaktere, denen würde etwas Existenzielles fehlen, würde es nicht alle zwei, drei Tage so richtig krachen. Interessanterweise suchen sich Betroffene (unbewusst) ein soziales Umfeld, das in dieser Hinsicht zu ihnen passt. Das heißt, man sucht und findet streitinteressierte Personen, die leicht auf einen gut platzierten dummen Spruch reagieren.
Wenn Sie ein "Normalo" sind und auf so eine Person stoßen, werden Sie in relevanten Situationen schnell erfahren, wie schwierig es ist, einem Streit aus dem Weg zu gehen. Mit allerhand erlernten Manipulationsstrategien will man sie auf 180 bringen. Und selbst wenn Sie mit dem Satz einlenken: "Okay, wir machen es genau so, wie du es willst", dann heißt es sogleich: "Das sagst du jetzt nur, damit ich Ruhe gebe!" Und schon geht's in die nächste Runde.
In einem solchen Fall findet sich nur schwer eine Lösung. Der Andere müsste sein Streitmuster erkennen und infrage stellen. Und das passiert gewöhnlich nie.

Sich seine eigene Streitkultur bewusst machen

Warum es gut ist, sich auch mal auf die Zunge zu beißen

Da jeder seine Biografie auch mit in seine Streitkultur einbringt, ist es sinnvoll, über seine Kommunikationsmuster nachzudenken. Da man vorauseilend meistens davon überzeugt ist, dass man eigentlich einen "gesunden Menschenverstand" hat, bietet es sich auch an, Feedback von seinen Mitmenschen einzufordern. Vielleicht ist man nämlich oft viel zu fies - glaubt aber, man sei höchst sachlich. Dann spricht vielleicht - ohne dass es uns bewusst ist - unser Vater oder unsere Mutter aus uns. Solche Aussetzer sollte man kontrollieren.
Sich auch mal auf die Zunge zu beißen - das ist eine Anregung, die Sie aufgreifen sollten.

Streitkompetenz fördern durch aktives Zuhören

"Ja", "Okay", "Hm"

Die Kommunikationspsychologie hat einige Methoden zur Streitschlichtung entwickelt. Da viele Gesprächspartner gar nicht wissen, dass sie eigentlich nur ihre eigenen frustrierten Grundbedürfnisse zu befriedigen versuchen, wenn sie den Anderen(!) angreifen, bietet sich zunächst das sogenannte aktive Zuhören an. Mit dieser Vorgehensweise helfen Sie dem Anderen dabei, sich selbst besser kennenzulernen. Anstatt gleich abzuwehren, kann es hilfreich sein, sich voll auf den Anderen zu konzentrieren, ihn aktiv bei seiner Kommunikation zu unterstützen. "Ja", "okay", "hm" - allein schon diese Worte können helfen. Hören Sie aktiv zu, fassen Sie Aussagen Ihres Gesprächspartners für ihn zusammen, damit er sich klarer ausdrücken kann, etwa: "Wenn ich dich richtig verstehe, meinst du das und das?"

Streitkompetenz fördern durch zirkuläre Fragen

"Was müsste ich jetzt tun?"

Es ist sehr menschlich, dass wir den Anderen für unsere negative Gefühlslage verantwortlich machen. Aber es ist auch schlicht und einfach falsch. Ein Satz wie: "Du machst mich eifersüchtig, ändere dich!", sagt eigentlich nur aus, dass der Betreffende "von sich aus" eifersüchtig ist; seine Eifersucht wird durch den Anderen "nur" ausgelöst, nicht verursacht. Wäre er nämlich kein eifersüchtiger Charakter, könnte der Partner nur schwer Zweifel in ihm auslösen.
In solchen Fällen können sogenannte zirkuläre Fragen helfen. Sie zwingen den Anderen zur Perspektivenübernahme und dienen so der Selbstklärung. Greifen Sie das Gefühl des Gesprächspartners auf und verbinden Sie es mit einer Verhaltensweise von Ihnen, etwa so: "Was müsste ich denn heute Abend auf der Party tun, damit du nicht eifersüchtig wirst?" Eine solche Frage kann Aha-Momente auslösen und, in diesem Fall, die Eifersucht minimieren. Es können nämlich Kompromisse gefunden werden.

Streitkompetenz fördern durch Ich-Botschaften

Gewaltfreie Kommunikation

Auf Du-Botschaften ("Du bist...", "Du hast doch schon immer...") sollte man verzichten. Sie drängen den Anderen in eine Verteidigungshaltung, die überwiegend emotionaler Natur ist. So kommt man nicht weiter, da keinerlei Kompromisse geschlossen werden können. Außerdem wollen die wenigsten Menschen wissen, was sie alles im Leben falsch gemacht haben.
Besser ist die sogenannte Vier-Schritt-Methode aus der Gewaltfreien Kommunikation nach M. B. Rosenberg: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitten. Nach diesem Muster lassen sich gewaltfreie Mitteilungen formulieren, die der Andere versteht und die meine Gefühle ausdrücken. Formulieren Sie beispielsweise: "Wenn ich höre (Beobachtung), dass du mir Untreue unterstellst, bin ich frustriert (Gefühl), weil ich dich liebe (Bedürfnis). Bitte vertraue mir heute Abend (Bitte)".
Natürlich sollte so eine Formulierung nicht zu geschwollen daherkommen. Passen Sie sie Ihren eigenen Beziehungen entsprechend an.

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